Die HVSC als bedeutendes, aber untererforschtes Archiv

Die Erforschung früher digitaler Musikkulturen steht vor der Herausforderung, Objekte zu analysieren, die an der Schnittstelle von Technologie, Kunst und sozialer Praxis existieren. Kaum ein Artefakt verkörpert diese Komplexität so umfassend wie die High Voltage SID Collection (HVSC), das weltweit größte Archiv für die Musik des Commodore 64 (C64) Heimcomputers. Trotz ihres immensen kulturellen Wertes und ihrer Anerkennung in verschiedenen Disziplinen stellt die HVSC einen untererforschten Musikkorpus dar.

Der Code als Hürde für die Forschung

Obwohl es akademische Arbeiten gibt, die sich mit der Szene, der Evolution der Spieleentwicklung, technischen Aspekten oder einzelnen Kompositionstechniken befassen, fehlen systematische, umfassende Analysen auf musikalischer Inhaltsebene. Die Hauptursache hierfür lässt sich primär an der technischen Natur der SID-Musikdateien, die individuellen, ausführbaren Programmcode und nicht passive Musikdaten enthalten, festmachen. Dies stellt nach wie vor eine große Hürde für quantitative, computergestützte Analysen dar. Hier setzt die Motivation für diese Abschlussarbeit mit dem Ziel der explorativen, stilometrischen Analyse der HVSC an.

Ein neuer methodischer Zugang zur HVSC

Diese Arbeit leistet einen Beitrag zur aktuellen Forschung, indem sie einen Ansatz zur Erschließung und Erforschung dieses bedeutenden, digitalen Musikkorpus erarbeitet und diesen im Rahmen der explorativen, stilometrischen Analyse demonstriert. Sie entwickelt und evaluiert Methoden zur Transformation der SID-Dateien in das weit verbreitete MIDI-Format, was eine Grundlage für zukünftige Forschung schafft. Durch die explorative stylometrische Analyse liefert sie erste neuartige, quantitative Einblicke in die musikalischen Stilmerkmale und Kompositionspraktiken der C64-Ära, wie z.B. die Unterschiede zwischen prominenten Komponisten.

Verortung zwischen Musikwissenschaft und Ludomusikologie

Damit positioniert sich die Arbeit vor allem in dem Forschungsfeld der Computergestützten Musikwissenschaft als Teilbereich der Digital Humanities. Sie zeigt die Anwendbarkeit von Methoden der Digital Humanities, insbesondere der Computergestützten Musikwissenschaft, auf einen spezifischen und bisher vernachlässigten, digitalen Musikkorpus. Auch trägt sie zur Erforschung der Geschichte der Videospielmusik im Forschungsfeld der Ludomusikologie bei, da die frühe Videospielmusik einen wesentlichen Anteil in der HVSC darstellt.

Doppelter Mehrwert: Korpus und Methode

Zusammenfassend lässt sich sagen, dass die Relevanz der Arbeit in der Erschließung und systematischen Analyse eines einzigartigen und kulturell bedeutsamen digitalen Musikkorpus liegt, der bislang wissenschaftlich kaum quantitativ untersucht wurde, sowie in der Entwicklung und Validierung von Methoden für die Analyse eines spezifischen, technisch anspruchsvollen Datenformats.