Forschungsfragen für die Untersuchung der HVSC

Die High Voltage SID Collection (HVSC) bietet aufgrund ihrer Größe, ihres systematischen Aufbaus und ihrer kulturellen Bedeutung ein reichhaltiges Potential für vielfältige Forschungsfragen, insbesondere im Kontext der Ludomusikologie und der Digital Humanities. Die nachfolgenden,  verschiedenen Ansatzpunkte für die Erforschung der HVSC werden zunächst skizziert, um das Potential aufzuzeigen und die folgenden, konkreten Forschungsfragen dieser Arbeit einzuordnen.

Quantitative Stilanalysen und Stilometrie

Die HVSC ermöglicht umfassende quantitative Stilanalysen der C64-Chiptune-Musik. Es können stilometrische Methoden angewandt werden, um musikalische Merkmale wie Melodie, Harmonie, Rhythmus und Form über einen großen Korpus hinweg zu untersuchen. Dies kann dazu dienen, die stilistische Entwicklung einzelner Komponisten oder ganzer Zeitperioden innerhalb der C64-Musik zu verfolgen. Solche Analysen können auch dazu beitragen, die Einzigartigkeit des SID-Chips und die kreativen Lösungen der Komponisten zur Überwindung technischer Beschränkungen zu quantifizieren.
@kroonenberg2021, @bellmann2012

Autorschaftsattribuierung und Komponistenprofile

Angesichts der oft anonymen oder pseudonymen Natur der frühen Demoszene bietet die HVSC Potenzial für die Autorschaftsattribuierung. Durch die Analyse charakteristischer musikalischer Merkmale können Algorithmen des maschinellen Lernens trainiert werden, um die Wahrscheinlichkeit der Autorschaft für unzugeschriebene oder umstrittene Stücke zu bestimmen. Dies kann auch zur Erstellung detaillierter stilistischer Profile einzelner “SID-Komponisten” genutzt werden.
@simonetta2025

Stilevolution und Genre-Klassifikation

Die zeitliche Organisation der HVSC erlaubt die Untersuchung der Evolution von Chiptune-Stilen von den frühen 1980er Jahren bis heute. Es können Modelle entwickelt werden, die versuchen, C64-Musikstücke automatisch bestimmten Stilperioden oder Genres innerhalb der Chiptune-Landschaft zuzuordnen. Dies könnte Aufschluss über die musikalischen Innovationen und Trends innerhalb dieser spezifischen musikalischen Subkultur geben.
@mckay2005, @vecchio2014

Analyse von Intertextualität und musikalischen Einflüssen 

Die Sammlung ermöglicht die Untersuchung von musikalischen Zitaten, Referenzen und Einflüssen zwischen verschiedenen SID-Stücken oder im Verhältnis zu populärer Musik der Zeit. Durch die Analyse von Ähnlichkeiten können Netzwerke von musikalischen Beziehungen aufgedeckt werden.

Vergleichende Ludomusikologie

Die HVSC kann als Vergleichskorpus dienen, um die musikalischen Praktiken auf dem C64 mit denen anderer 8-Bit-Konsolen, z.B. NES @donahue2018 oder frühen PC-Soundchips zu vergleichen. Dies kann helfen, die spezifischen klanglichen und kompositorischen Eigenheiten des SID-Chips hervorzuheben und seine Rolle in der Entwicklung der Videospielmusik umfassender zu bewerten.
@collins2006,@fernandez-cortes2021 

Forschung zum digitalen Kulturerbe und Software-Archäologie

Als Zeugnis der “born-digital”-Ära ist die HVSC selbst ein wichtiges Forschungsobjekt im Bereich des digitalen Kulturerbes. Forschungsfragen könnten sich hier um die Praktiken der Archivierung, der Metadaten-Pflege und der Langzeitverfügbarkeit von digitaler Musik drehen. Die Analyse der SID-Dateien selbst kann auch Einblicke in Software-Design-Muster und Programmiertechniken der damaligen Zeit geben.
@roeder2020

Forschungsfragen im Kontext der technischen Konvertierung von SID-Dateien

Der erste Teil der Methodik dieser Arbeit konzentriert sich auf die methodischen und technischen Herausforderungen bei der Konvertierung des SID-Formats, woraus sich auch der erste Teil von Forschungsfragen ableitet. Die Forschungsfragen, die sich für diesen Bereich ergeben lauten:

  1. Wie können SID-Dateien aus der High Voltage SID Collection effektiv und mit welchem Informationsgehalt in Formate transformiert werden, die eine computergestützte musikalische Analyse auf symbolischer Ebene ermöglichen?
  2. Welche spezifischen Herausforderungen und Limitationen ergeben sich bei der Konvertierung von SID-Dateien, insbesondere im Hinblick auf die Erfassung SID-eigener Stilmerkmale wie Timbre, Filter oder Timing-Nuancen?
  3. Wie gut eignen sich existierende Werkzeuge und Bibliotheken, wie Desidulate oder ChiptuneSAK, für die automatisierte und skalierte Konvertierung von SID-Dateien der HVSC für Analyse-Zwecke und wie kann die Qualität dieser Konvertierung evaluiert werden?
  4. Inwieweit können komplementäre Daten, wie SID-Registerinformationen, genutzt werden, um das Feature-Set aus der MIDI-Repräsentation anzureichern und SID-spezifische Aspekte der Musik besser zu erfassen?

Diese Fragen verdeutlichen die Notwendigkeit, eine effiziente Pipeline für die Datenvorverarbeitung zu etablieren. Hierbei sind geeignete Werkzeuge zu evaluieren und die Grenzen des gewählten Konvertierungsansatzes kritisch zu hinterfragen. Eine wichtige Metrik für die Bewertung ist dabei die qualitative Einschätzung des Informationsgehalts und der Werkzeug-Features.

Forschungsfragen zur explorativen Musikstilometrischen Analyse der HVSC

Aufbauend auf dem erstellten und konvertierten Korpus, befasst sich die weitere Arbeit mit der eigentlichen stilometrischen Analyse. Wie bereits beschrieben ist es das Ziel Kompositionen anhand objektiver Features zu charakterisieren und stilistische Muster explorativ zu identifizieren. Der Fokus liegt dabei im Rahmen dieser Arbeit zunächst auf statistischen Methoden und einfachen Visualisierungen, um die gewonnene Zugänglichkeit zu demonstrieren. Daraus ergeben sich folgende Forschungsfragen für die explorative musikstilometrische Analyse:

  • Welche musikalischen Merkmale (Features) eignen sich, um stilistische Unterschiede in C64-Musik auf Basis der HVSC zu erfassen?
  • Lassen sich auf Basis der extrahierten Features Cluster von C64-Kompositionen identifizieren, die auf unterschiedliche Komponistenstile, z.B. Rob Hubbard vs. Martin Galway, oder andere musikalische Charakteristika innerhalb der untersuchten Teilkorpora hindeuten?
  • Welche spezifischen musikalischen Eigenschaften, z.B. Verwendung von Arpeggios, melodische Kontur, Stimmennutzung, Wellenformauswahl, sind besonders prägnant für die Unterscheidung von Stilen innerhalb der ausgewählten Teilkorpora der HVSC?
  • Welche ersten Einblicke in die Kompositionspraktiken lassen sich durch die explorative quantitative Analyse der ausgewählten Teilkorpora gewinnen?
  • Inwieweit beeinflusst die notwendige Transformation des ursprünglichen SID-Formats die Aussagekraft der musikstilometrischen Analyse, insbesondere im Vergleich zu potenziellen Analysen basierend auf Registereinträgen oder Audiodateien?

Diese Fragen leiten die notwendigen Schritte des Feature-Engineerings  und der Analyse an. Sie implizieren die Definition geeigneter stilistischer Marker für C64-Musik, die Extraktion dieser Features, die Erstellung eines Feature-Datensatzes und die Anwendung deskriptiver Statistiken, Visualisierungen und Clustering-Methoden. Der Fokus liegt darauf, zu zeigen, dass mit den aufbereiteten Daten gearbeitet werden kann und Erkenntnisse generiert werden können.