Die zweite Gruppe von Forschungsfragen richtet sich auf die geplante musikstilometrische Auswertung der konvertierten Daten und ist bislang ausschließlich konzeptionell ausgearbeitet.

Die Fragen im Überblick

Forschungsfrage 1: Welche charakteristischen musikalischen Merkmale lassen sich in der C64-Chiptune-Musik identifizieren und quantifizieren, insbesondere im Hinblick auf stilometrische Analysen?

Forschungsfrage 2: Lassen sich anhand dieser Merkmale Komponisten in der HVSC stilometrisch unterscheiden und gruppieren?

Forschungsfrage 3: Welche Rolle spielen technische Limitationen des SID-Chips und darauf basierende Kompositionstechniken bei der Ausprägung musikalischer Stile in der HVSC?

Charakteristische musikalische Merkmale identifizieren

Die erste stilometrische Forschungsfrage zielt darauf, charakteristische musikalische Merkmale der C64-Chiptune-Musik zu identifizieren und zu quantifizieren. Auf Basis der bereits beschriebenen Formalisierung musikalischer Parameter und der Feature-Extraktion sollen mit Bibliotheken wie music21 und musif melodische, harmonische, rhythmische und formale Merkmale in großer Zahl erfasst werden. Zusätzlich sind eigene Routinen geplant, um SID-spezifische Techniken wie schnelle Arpeggien explizit als Features zu modellieren, da Standard-MIDI-Konvertierungen diese nur unzureichend erfassen.

Die geplanten deskriptiven Statistiken sollen dabei erste quantitative Einblicke in Verteilungen und Häufigkeiten dieser Merkmale innerhalb der definierten Korpora geben; sie liegen derzeit als Methodikentwurf vor, nicht als ausgeführte Analyse.

Komponisten stilometrisch unterscheiden und gruppieren

Die zweite Forschungsfrage fragt, ob sich auf Basis dieser Merkmale Komponisten in der HVSC stilometrisch unterscheiden und gruppieren lassen. Der bereits definierte Komponisten-Korpus bildet hier die Grundlage, auf die statistische Verfahren und Clustering-Methoden angewendet werden sollen. Hypothetisch wird erwartet, dass insbesondere Wellenformnutzung, rhythmische Komplexität, Filtereinsatz oder „Note-Stealing“-Strategien als stilistische Fingerabdrücke fungieren könnten. Die tatsächliche Überprüfung dieser Annahmen steht jedoch noch aus. Geplante Visualisierungen mittels Dimensionsreduktion sollen spätere Cluster und stilistische Nähebeziehungen sichtbar machen.

Technische Limitationen als Stilfaktor

Die dritte Forschungsfrage adressiert die Rolle technischer Limitationen des SID-Chips und der darauf aufbauenden Kompositionstechniken für die Ausprägung musikalischer Stile. Die in den Grundlagenkapiteln ausführlich beschriebene Architektur des SID und die dokumentierten Kompositionstechniken bilden den notwendigen interpretatorischen Kontext.

In der geplanten Auswertung sollen quantitative Ergebnisse bewusst vor dem Hintergrund der Konvertierungs-Limitierungen gelesen werden, etwa dort, wo hardware-spezifische „Bugs“ oder Eigenheiten nur indirekt in MIDI-Spuren sichtbar werden. Eine vollständige empirische Beantwortung dieser Frage bedarf jedoch der noch ausstehenden Analyseschritte sowie einer anschließenden, qualitativ-inhaltlichen Interpretation.